Ingenieurskunst im Extrembereich: Fünf automobile Rekorde

Mit 275 km/h rückwärts oder auf 6'700 Meter Höhe: Wenn Ingenieure Grenzen sprengen, wird Automobilbau spektakulär, absurd und weltrekordverdächtig.

Der Automobilbau bewegt sich seit jeher in einem faszinierenden Spannungsfeld zwischen kühler Zweckmässigkeit und dem Ausloten physikalischer Grenzbereiche. Wenn Entwicklerteams das technisch Machbare auf die Spitze treiben, entstehen Rekordfahrzeuge, die mit herkömmlichen Massstäben kaum noch zu greifen sind.
Top-Speed im Rückwärtsgang
Den Rekord für die schnellste Rückwärtsfahrt eines Serienwagens hält der vollelektrische Hypersportler Rimac Nevera mit gemessenen 275.74 Kilometern pro Stunde. Da der kroatische Bolide über vier separate Elektromotoren ohne klassisches Schaltgetriebe verfügt, stellt sein Antriebsstrang im Retourgang dieselbe gewaltige Übersetzung wie bei der Vorwärtsfahrt bereit.

Testfahrer Goran Drndak steuerte das Geschoss im November 2023 auf dem deutschen Testgelände in Papenburg zu diesem offiziellen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde. Dieser Wert übertrifft nicht nur viele zivile Sportwagen im Vorwärtsgang, sondern unterstreicht auch die enorme Flexibilität moderner Elektroantriebe.
Gipfelstürmer und Meilensteine im Windkanal
Eine ganz andere Dimension erschloss Rennfahrer Romain Dumas, als er im Dezember 2023 mit einem modifizierten Porsche 911 Carrera 4S auf den Westgrat des Vulkans Ojos del Salado in Chile kletterte. Ausgerüstet mit Portalachsen, mächtigen Geländereifen und betankt mit synthetischem E-Fuel erreichte der Sportwagen eine spektakuläre Höhe von 6'734 Metern über Meer.

Nie zuvor war ein Landfahrzeug auf vier Rädern aus eigener Kraft in derart luftige Höhen vorgedrungen. Damit entriss der modifizierte Neunelfer den bisherigen Höhenweltrekord zwei Spezial-Unimogs und bewies seine Nehmerqualitäten unter extremem Sauerstoffmangel.

Auf der Suche nach maximaler aerodynamischer Effizienz erzielte das niederländische Solar-Elektroauto Lightyear 0 im Jahr 2022 einen cw-Wert von 0.175. Mit diesem Laborwert liess der avantgardistische Stromer anerkannte Effizienz-Ikonen wie den legendären General Motors EV1 mit 0.195 oder den Mercedes-Benz EQS mit 0.20 hinter sich.
Zwischen Kleinserie und extremer Liegeposition
Zwar führten finanzielle Engpässe und der Konkurs der Betreibergesellschaft rasch zum Produktionsstopp nach nur wenigen Exemplaren, doch die radikale Tropfenform setzte neue aerodynamische Massstäbe. Während der Lightyear auf geringsten Luftwiderstand zielte, markiert ein japanisches Schulprojekt das flachste fahrbare Strassenauto der Welt.
Schüler und Lehrer der Okayama Sanyo High School konstruierten das einsitzige Elektrofahrzeug «Mirai», das vom Asphalt bis zum höchsten Punkt lediglich 45.2 Zentimeter misst. Die flache Flunder unterbot den bisherigen britischen Rekordhalter namens «Flatmobile» um gut drei Zentimeter.
Trotz der extrem tiefen Liegeposition erhielt das rollende Projekt eine offizielle Strassenzulassung für japanische Verkehrswege. Damit beweist das Gefährt eindrücklich, mit wie viel Kreativität und technischem Fachwissen an Bildungsstätten gearbeitet wird.
Dreissig Meter Luxus auf sechsundzwanzig Rädern
Am entgegengesetzten Ende der automobilen Grössenskala rangiert die wohl spektakulärste Stretchlimousine der Welt namens «The American Dream». Das von Jay Ohrberg bereits 1986 auf Basis mehrerer Cadillac Eldorado konzipierte Strassenschiff wurde 2022 grundlegend restauriert und auf 30.54 Meter verlängert.
Das gigantische Fahrzeug rollt auf insgesamt 26 Rädern und erfordert für Kurvenfahrten zwei koordinierte Fahrer an beiden Enden. Zur dekadenten Innenausstattung gehören unter anderem ein Wasserbett sowie ein kleiner Swimmingpool samt Sprungbrett.
Als ultimativer Blickfang dient ein zertifizierter Hubschrauberlandeplatz am Heck, der sogar Landungen kleiner Helikopter ermöglicht. Diese fünf Beispiele belegen, dass die automobile Rekordjagd von technischer Brillanz bis hin zu herrlich verrückten Ideen reicht.





