Das Erbe: Warum Europa gegen China auf Retro setzt

    Maia Schmied
    Maia Schmied

    Renault 5, Twingo, 2CV, ein ID. Polo mit Kassetten-Modus: Europas Hersteller holen ihre Klassiker zurück. Hinter der Nostalgie steckt eine kühle Rechnung.

    Citroen 2CV
    Citroen 2CV-Konzept: Live-Auftritt auf dem Pariser Autosalon 2026. - Motor1.com

    Ein Kassettenrekorder, der nur auf dem Bildschirm existiert, sollte bei Volkswagen ursprünglich ein Scherz sein. Inzwischen lieben ihn die Kunden des ID. Polo.

    Der Gag zeigt, worum es Europas Autobauern geht: um ein Gefühl, das sich in China nicht kopieren lässt.

    Chinesischer Kostendruck

    Chinesische Hersteller wie BYD und Geely kamen im zweiten Quartal 2026 auf fast 11 Prozent des europäischen Marktes. Ihre Autos sind oft günstiger und technisch weiter als jene der heimischen Marken.

    Kosten senken und den Technikrückstand aufholen müssen Europas Hersteller ohnehin. Einen Vorteil haben sie aber, den die jungen Konkurrenten kaum nachbauen können: ihre Geschichte.

    Renault e-Space
    Hommage an das Original: Das Konzept greift exakt die revolutionäre Raum- und Designphilosophie des allerersten Espace von 1984 auf. - Renault

    Renault-Chef François Provost sagte am Pariser Autosalon, die Konkurrenz aus Asien baue Autos mit gleichem Design und gleicher Ausstattung. Renault setze deshalb auf Persönlichkeit und Emotion.

    Der Renault 5 als Beweis

    Dass die Rechnung aufgehen kann, zeigt der elektrische Renault 5. Laut Reuters ist er 2026 das meistverkaufte Elektroauto seiner Grössenklasse in Europa.

    Seit dem Start 2024 hat Renault europaweit über 140'000 Stück verkauft. Ursprünglich war das Projekt eine verworfene Designstudie von François Leboine.

    Renault 5 Turbo 3E
    Der 5 Turbo 3E besitzt eine 800-Volt-Architektur und eine 70 kWh Batterie, die eine WLTP-Reichweite von über 400 km ermöglichen soll. - Renault

    Erst Luca de Meo, der bei Fiat den 500 von 2007 lanciert hatte, erkannte das Potenzial. Es folgten der Renault 4 und der Twingo, entwickelt in nur 24 Monaten.

    Retro, wo der Preisdruck am grössten ist

    Auffällig ist, wo die Hersteller in die Vergangenheit greifen. Fast immer betrifft es kleine, günstige Elektroautos.

    Citroën 2 CV
    Citroën 2 CV Concept Frontansicht. - Media Stellantis

    Genau dort ist der Preisdruck chinesischer Marken am stärksten. Bei tiefen Margen ist daher jeder zusätzliche Mehrwert willkommen.

    Citroen 2CV
    Ein Franzose mit Charme und Kult. - Pixabay

    Citroën will die elektrische 2CV ab 2028 für unter 15'000 Euro anbieten. Sie ist das erste europäische Modell auf der günstigen Stellantis-Plattform E-Car.

    Ikonen sind nicht ewig

    Ein Risiko ist dabei aber, dass potenziell zu viel auf Nostalgie vertraut wird. Ikonen sind schliesslich nicht ewig, vor allem da jüngeren Käufern die emotionale Bindung zu den alten Legenden fehlt.

    ID. Buzz Cargo
    Der ID. Buzz überträgt den Charakter des historischen Originals in das Elektrozeitalter. - Volkswagen

    In Europa funktioniert Retro, weil Familien Modellen oft über Generationen treu blieben. Der VW ID. Buzz zeigt jedoch die Grenzen auf: In den USA schwand das Interesse wegen Preis und Reichweite.

    VW T1
    Der Ur-«Bulli»: Einige der frühesten T1-Modelle hatten geteilte Frontscheiben und eine charakteristische V-förmige Front. - Volkswagen

    Für Schweizer Käuferinnen und Käufer ist die Retro-Welle vor allem eine Preisfrage. Kritiker sehen im Trend eher Verpackung als Fortschritt. Ob Gefühl gegen Rechenleistung reicht, entscheiden am Ende Sie an der Kasse.

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