Austin-Healey: Flucht unterm DDR-Schlagbaum

Flucht in die Freiheit: Reicht blanker Mut gegen ein mörderisches Grenzsperrsystem? Manchmal entscheiden genau sechs Zentimeter über Leben und Freiheit.

Im Mai 1963 stand ein junger Österreicher vor einer schier unüberwindbaren stählernen Mauer. Ein massiver DDR-Schlagbaum am Checkpoint Charlie trennte ihn gewaltsam von seiner grossen Liebe Margarete Thurau.

Statt auf langwierige diplomatische Verhandlungen vertraute er vollkommen auf die Gesetze der angewandten Aerodynamik. Ein detaillierter Blick auf die technischen Abmessungen britischer Sportwagen lieferte ihm den entscheidenden Geistesblitz.
Der Austin-Healey Sprite als Fluchtwerkzeug
Heinz Meixner wählte für seinen lebensgefährlichen Plan ganz bewusst einen geliehenen Austin-Healey Sprite MK II. Dieser kompakte Brite bot gegenüber damaligen Konkurrenten wie dem hoch gebauten VW Käfer eine enorm flache Silhouette.

Zwar besass der winzige Vierzylinder-Motor mit 948 Kubikzentimetern Hubraum nur bescheidene 43 PS Leistung. Dafür punktete der Sportwagen mit einem aussergewöhnlich geringen Leergewicht von lediglich 650 Kilogramm und direkter Lenkung.
Meixner montierte die Windschutzscheibe eigenhändig ab und liess gezielt Luft aus den Reifen für mehr Tiefgang. Dadurch schrumpfte die gesamte Fahrzeughöhe von serienmässigen 120 Zentimetern auf rekordverdächtige 89 Zentimeter zusammen.
Millimeterarbeit an der Kontrollschranke
Die Unterkante der letzten Stahlschranke vor West-Berlin schwebte exakt 95 Zentimeter über der Fahrbahn. Genau sechs Zentimeter Sicherheitsabstand trennten die Insassen von einem verheerenden Aufprall auf das massive Metall.
Margarete Thurau kauerte während der Fahrt in einem engen Versteck direkt hinter dem Fahrersitz. Ihre Mutter lag eingeklemmt im winzigen Kofferraum, rundherum mit schützenden Ziegelsteinen gegen Gewehrfeuer gewappnet.

Am Grenzposten trat Meixner das Gaspedal ohne jedes Zögern bis zum Bodenblech durch. Mit Vollgas und tief geducktem Kopf schoss der flache Roadster unter dem Schlagbaum hindurch nach West-Berlin.
Reaktion auf die gewagte Flucht
Die überraschten DDR-Grenzposten konnten vor der rettenden Grenzlinie keinen einzigen gezielten Schuss mehr abgeben. Als direkte Reaktion installierten die Ost-Behörden bereits am Folgetag massive Beton-Schikanen im engen Slalom-Parcours.

Heinz Meixner bewies mit diesem historischen Manöver den Triumph akribischer physikalischer Vorbereitung über militärische Gewalt. Seine millimetergenaue Flucht ging als einer der spektakulärsten Coups in die Geschichte des Kalten Krieges ein.





