Volkswagen: Ein Mythos, der ganz Europa trägt

Zwischen E-Auto-Wette und Bürokratie: Warum Volkswagen strauchelt und was der drohende Stellenabbau für Europa und die Schweiz wirklich bedeutet.

Ohne den Wolfsburger Konzern wäre der industrielle Kern Westeuropas heute kaum vorstellbar. Mit dem modularen Querbaukasten prägte das Unternehmen die moderne Fliessbandfertigung wie kaum ein anderes.
Täglich nutzen Millionen von Menschen ein Auto aus der industriellen Grossfamilie von VW für ihren Arbeitsweg. Die jüngsten Berichte über den drohenden Abbau von weltweit bis zu 100'000 Stellen treffen uns daher alle direkt.
Das Management investierte Milliarden in eine teils überstürzte Elektromobilität und verlor den Anschluss auf dem chinesischen Markt. Trotz dieser strategischen Fehler erwirtschaftete VW im ersten Quartal 2026 einen Reingewinn von stolzen 1.56 Milliarden Euro.
Volkswagen mit tiefen Wurzeln in unserer Gesellschaft
Volkswagen verkörpert wie kein zweites Unternehmen den historischen Aufstieg der europäischen Mittelschicht nach dem Zweiten Weltkrieg. Der legendäre Käfer und später der Golf brachten bezahlbare Mobilität in jeden Winkel des Kontinents.

Diese Fahrzeuge transportierten nicht nur Personen, sondern stets auch das Versprechen von Freiheit und individuellem Wohlstand. Auch in der Schweiz prägten die zuverlässigen Modelle aus Niedersachsen jahrzehntelang das Strassenbild und den Alltag.
Die Marke schuf damit eine gemeinsame technologische und kulturelle Klammer für Generationen von Menschen. Ein jähes Ende des Konzerns würde diese tief verwurzelte europäische Erfolgsgeschichte abrupt beenden.
Mythos und Realität der Krise
Viele Medien berichten derzeit fast schon panisch über die drohende Schliessung von vier grossen Produktionsstätten in Deutschland. So zeichnete die renommierte US-Beratungsfirma McKinsey jüngst ein äusserst düsteres Szenario für die europäische Industrie.

Einige Automobilexperten halten diese extremen Drohkulissen jedoch für völlig überzogen und rein taktisch motiviert. Der Autogigant nutzt die negativen Schlagzeilen geschickt im harten Poker mit den Gewerkschaften um Restrukturierungen.
Immerhin verfügte VW am Ende des Geschäftsjahres 2025 über eine solide Netto-Liquidität von rund 34 Milliarden Euro. Die Substanz des Riesen bleibt trotz der aktuellen Gewinneinbrüche im operativen Kern intakt.
Managementfehler als Hauptursache
Die wahren Ursachen der aktuellen Krise liegen ohnehin vor allem bei den strategischen Fehlern im Chefsessel. Die Konzernführung setzte schlicht zu früh und einseitig fast alles auf die Karte der reinen Batteriemobilität.

Gleichzeitig vernachlässigten die Produktplaner das Segment der günstigen, massentauglichen Einstiegsmodelle unter 20'000 Euro. Chinesische Konkurrenten wie BYD konnten VW deshalb auf dem wichtigen asiatischen Markt im E-Segment überholen.
Zudem bremst eine ausufernde Bürokratie im Apparat wichtige Software-Innovationen der Tochtergesellschaften regelmässig aus. Die Ingenieure müssen jetzt dringend die Technologieführerschaft zurückgewinnen und ihre Entwicklungsprozesse radikal vereinfachen.
Die Verflechtung mit der Schweizer Industrie
Die europäische Volkswirtschaft würde den Verlust dieses industriellen Schwergewichts schlichtweg nicht ohne schwere Verwerfungen verkraften. An jedem direkten Arbeitsplatz bei Volkswagen hängen schliesslich unzählige Zulieferer, Dienstleister und regionale Händler.
Ein Kollaps des Konzerns würde eine gefährliche Kettenreaktion der Deindustrialisierung in ganz Mitteleuropa auslösen. Auch die Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie liefert Jahr für Jahr wichtige Komponenten nach Wolfsburg.
Man kann also nur hoffen, dass der Konzern bald wieder mit Erfolgsmeldungen Schlagzeilen macht. Die Möglichkeiten dafür bestehen nach wie vor.





