Matra Rancho: Der Urvater aller Crossover

Schein trügt auf vier Rädern selten so charmant wie hier. Dieser Franzose erfand das moderne SUV, scheiterte aber an jeder nassen Wiese.

Ein hochbeiniger Geländewagen gänzlich ohne Allradantrieb klingt nach einer glatten Fehlkonstruktion. Doch genau mit diesem unkonventionellen Konzept schuf die französische Autoschmiede Matra im Frühjahr 1977 den Urvater aller modernen Crossover.
Unter der auffällig martialischen Kunststoffhülle steckte schlichtweg die simple technische Plattform des braven Lieferwagens Simca 1100 VF2. Der quer eingebaute 1.4-Liter-Vierzylinder mit 80 PS übertrug seine bescheidene Antriebskraft ausschliesslich an die beiden Vorderräder.
Die Käufer suchten damals die prestigeträchtige Abenteurer-Optik eines unbezahlbaren Range Rover für einen Bruchteil des eigentlichen Anschaffungspreises. Auf winterlichen Schweizer Bergstrassen entlarvte sich das martialische Auftreten des Trendsetters jedoch rasch als reine Illusion.
Konstruktion zwischen Geniestreich und Sparkurs
Matra fertigte den markanten hinteren Aufbau aus leichtem, glasfaserverstärktem Kunststoff über einem tragenden Gerüst aus Stahlblech. Dieses clevere Raumkonzept mit hoher Kopffreiheit bot reichlich Ladevolumen und diente später als geistige Vorlage für den Renault Espace.

Zusätzliche Suchscheinwerfer an der A-Säule, robuste Rammschutzleisten und eine markante Dachreling prägten den damals neuartigen Freizeit-Look. Auf befestigten Asphaltstrassen überzeugte der französische Wagen mit dem sanften Federungskomfort einer gewöhnlichen Familienlimousine.
Abseits fester Wege reichte die leicht erhöhte Bodenfreiheit von knapp zwanzig Zentimetern jedoch kaum für echte Herausforderungen. Ohne zuschaltbaren Allradantrieb oder mechanische Differenzialsperre blieb der Rancho bereits auf leicht feuchten Almwiesen hilflos stecken.
Marktvergleich: Mehr Show als Geländewert
Klassische Geländegänger wie der zeitgleich erschienene Lada Niva boten permanente Allradtechnik und unverwüstliche Mechanik für unwegsames Terrain. Der Rancho konterte dafür mit spürbar bequemeren Sitzen, einem Pkw-ähnlichen Fahrverhalten und einem deutlich niedrigeren Benzinverbrauch.

Der mondäne Range Rover spielte zwar fahrwerkstechnisch und motorisch in einer ganz anderen Liga, verlangte aber fast die dreifache Summe. Matra bewies mit seinem «charmanten Blender» weitsichtig, dass viele Autofahrer im Alltag vor allem das robuste Image, aber kaum echte Geländegängigkeit suchen.
Kaufberatung für Schweizer Klassiker-Liebhaber
Wer heute nach einem gut erhaltenen Exemplar sucht, kämpft mit den verheerenden Spätfolgen einer quasi nicht vorhandenen Rostvorsorge. Während der hintere Kunststoffaufbau Wind und Wetter trotzt, zerbröselt das darunterliegende Stahlblech der Simca-Basis regelrecht zu Staub.
Vordere Kotflügel, tragende Schweller und die geschwächten Wagenheberaufnahmen erfordern bei einer Besichtigung einen kritischen Prüfblick. Solide Fahrzeuge mit Schweizer Veteranen-Eintrag erzielen mittlerweile stolze fünfstellige Liebhaberpreise auf dem Klassikermarkt.
Die bewährte Grossserientechnik des Simca-1100-Antriebsstrangs erleichtert Reparaturen an Motor, Getriebe und Verschleissteilen bis heute ungemein. Spezifische Rancho-Karosserieteile wie die hinteren Schiebefenster, Scheinwerfereinsätze oder originale Stossfängerabdeckungen gelten dagegen als extrem rar.





