Porsche-Schreck aus Entlebuch: Die Geschichte des Enzmann 506

Daniel Huber
Daniel Huber

Ein kleiner Schweizer Sportwagen forderte einst die grossen Autogiganten heraus. Die Geschichte des Enzmann 506 fasziniert noch heute …

Enzmann 506
Seinen Namen verdankt der Sportwagen der Standnummer 506, auf der er 1956 auf der IAA in Frankfurt debütierte. - Palauenc05

Stellen Sie sich vor, Ihr Hausarzt verschreibt Ihnen statt Tabletten ein schnittiges Sportcoupé. Genau das tat Dr. Emil Enzmann in den 1950er-Jahren mit seiner Vision eines ultraleichten Automobils.

Als technische Basis nutzte er das robuste Fahrwerk des VW Käfers, doch was er darauf errichtete, war reine Zukunftsmusik. Mit dem damals neuartigen Werkstoff Glasfaser schuf er eine Form, die Aerodynamik und Ästhetik perfekt verband.

Enzmann 506
Die extrem flache Frontpartie kommt ohne Kühlergrill aus, da der luftgekühlte Boxermotor im Heck sitzt. - Wikipedia

In einer Garage im beschaulichen Entlebuch entstanden, verblüffte das Projekt bald die internationale Fachwelt: Innovation benötigt keine riesigen Werkshallen, sondern Mut und Harz.

Innovation ohne Türen

Dr. Enzmanns Ziel war radikal: Sein Wagen sollte deutlich leichter sein als die damalige Konkurrenz. Er entschied sich für glasfaserverstärkten Kunststoff (GFK), um das Gesamtgewicht massiv zu senken.

Die Karosserie kam dabei ohne klassische Türen aus – ein genialer Schachzug, der die Stabilität der Bodenwanne enorm erhöhte. Stattdessen stiegen die Insassen über markante Mulden in der Flanke direkt ins Cockpit.

Enzmann 506
Aufgrund der fehlenden Türen gleitet der Fahrer über die Bordwand direkt in den eng geschnittenen Arbeitsplatz. - Wikipedia

Diese Leichtbauweise verhalf dem Wagen zu einer beeindruckenden Agilität, die selbst mit bescheidener Motorleistung für sportliches Fahrgefühl sorgte. Der Enzmann 506 wurde so zum Vorreiter des modernen Leichtbaus.

Die Sensation von Frankfurt

Im Jahr 1957 präsentierte der Schweizer Arzt sein Werk erstmals auf der IAA in Frankfurt. Die Fachpresse feierte den Wagen mit der Standnummer 506 – die später zum Namen wurde – sofort als futuristische Sensation aus der Alpenrepublik.

Sogar Profi-Rennfahrer zeigten sich von der Strassenlage des puristischen Flitzers begeistert. Dank der nahtlosen, aerodynamischen Hülle erreichte der Wagen eine deutlich höhere Endgeschwindigkeit als der serienmässige Käfer.

Zahlreiche Bestellungen aus aller Welt gingen in der kleinen Manufaktur in Schüpfheim ein. Niemand ahnte zu diesem Zeitpunkt, welche Hürden die grossen Hersteller bald aufbauen würden.

Das jähe Ende einer Hoffnung

Der durchschlagende Erfolg wurde dem Enzmann 506 schliesslich zum Verhängnis. Volkswagen sah in dem attraktiven Schweizer Sportwagen eine ernsthafte Konkurrenz zum hauseigenen Karmann Ghia.

Die Wolfsburger reagierten prompt und stoppten die direkte Lieferung rollfähiger Käfer-Chassis an die Schweizer Manufaktur. Ohne diese technische Basis konnten die Luzerner keine kompletten Fahrzeuge mehr kosteneffizient produzieren.

Kunden mussten fortan ihren eigenen Käfer anliefern, um ihn in Schüpfheim mühsam umbauen zu lassen. Dieser enorme logistische Aufwand bremste die Produktion drastisch aus und besiegelte das wirtschaftliche Ende der Serienfertigung.

Das Erbe einer Legende

Heute gilt der Enzmann 506 als eines der exklusivsten Sammlerstücke der Schweizer Automobilgeschichte. Die zeitlose Kunststoff-Karosserie trotzt auch nach Jahrzehnten erfolgreich dem Zahn der Zeit, da Rost kein Thema ist.

Sohn Karl Enzmann pflegt das Erbe seines Vaters akribisch und fertigt bis heute gelegentlich neue Exemplare auf Bestellung. Diese exklusiven Kleinserien halten den Erfindergeist aus dem Entlebuch lebendig.

Enthusiasten schätzen vor allem das unverfälschte Fahrgefühl dieses Leichtgewichts. Der Enzmann 506 bleibt ein ewiges Denkmal für den Mut eines Einzelnen gegen die Übermacht der Grosskonzerne.

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